Lektüre

Hier finden Sie ein paar Hinweise auf Bücher, die ich lesenswert finde.

 

Flanagan, Richard: Der Erzähler.
(München: Piper 2018)

Im Zeitalter von Fake News verschwinden die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Das ist unter anderem auch das Thema von Flanagans neuestem Roman. Ich habe seinerzeit sein Buch «Goulds Buch der Fische» fasziniert gelesen. «Der Erzähler» ist weniger monumental, aber dafür fokussierter. Ein junger, erfolgloser Autor, soll eine Biographie über einen der grössten Betrüger Australiens schreiben. Die Interviews mit diesem verlaufen frustrierend, weil der Betrüger, Heidl, dauernd neue Versionen seines Lebens auftischt. Am Ende schafft Kif es, die Biographie zu schreiben, aber ob diese ein «wahres» Leben beschreibt, oder selbst pure Erfindung ist, bleibt offen. Der Autor lässt sich durch sein Werk korrumpieren. Wie Relotius und andere Schreibende. Spannend, unterhaltsam, und grossartig erzählt.

 

Fried, Johannes: Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus.
(München: Beck 2019)

Dieses Buch geht an den Kern christlicher Glaubensinhalte. Fried versucht aufzuzeigen, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, sondern ohnmächtig ins Grab gelegt wurde, und daraus wieder «auferstanden» sei, um anschliessend als Prediger zu weiter zu wirken. Der Autor argumentiert medizinisch, und auf der Basis des Johannes Evangeliums. Offen gestanden: das Ganze wirkt erschreckend plausibel. Erst bei der Schilderung der Zeit Jesu nach der «Auferstehung» muss Fried sehr spekulativ werden, angesichts der dünnen Quellenlage. Wer sich selbst prüfen will, wie fest er an das zentrale Dogma christlicher Religion glaubt, hat hier die ideale Herausforderung. Fried versteht es, anschaulich und verständlich zu schreiben, ein verstörendes und deswegen faszinierendes Buch.

 

Zamoyski, Adam: Napoleon. Ein Leben.
(München: Beck 2018)

Zamoyski hat mit diesem Buch ein Monumentalwerk über Napoleon geschaffen, das versucht, wirklich in die Psyche, den Charakter und die Motivation dieses Feldherrn einzudringen. Grosse Teile werden für die Analyse und die Darstellung der jungen Jahre Napoleons aufgewendet, und daraus erklärt sich so manche Handlung auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der Mythos des genialen Strategen wird kritisch beleuchtet, und Zamoyski zeigt auf, wie viel Selbstinszenierung diesen Mythos verursacht hat. Im Gegensatz zu vielen Kritiken fand ich diese Biographie hoch interessant, weil sie zeigt, dass Napoleon bei weitem nicht das übermenschliche Genie war, als das er sich selbst und die Nachwelt ihn sehen wollte. Natürlich gibt es wenig Informationen über das historische Umfeld, aber wer sich mit den Napoleonischen Kriegen schon etwas auskennt, liest das Buch sicher mit Gewinn an neuen Erkenntnissen über eine der widersprüchlichen grossen Personen der europäischen Geschichte.

 

Schweizerische Bundeskanzlei (Hrsg): Die Schweiz 2030. Was muss die Politik heute anpacken? 77 Antworten.
(Bern: Schweizerische Eidgenossenschaft und NZZ Libro, Schwabe 2018)

Alle vier Jahre legt der Bundesrat dem Parlament eine Legislaturplanung vor, eine trockene Aufzählung der Pendenzen aus allen Departementen. Die Bundeskanzlei versuchte mit diesem hoch interessanten Buch, einmal eine andere Perspektive aufzuzeigen, worin die Herausforderungen der Schweiz liegen könnten. 77 Zeitgenossen, keine Politiker, wurden gefragt: was meinen Sie, wird man der Schweizer Politik im Jahre 2030 vorwerfen, was sie im Jahr 2019 verpasst hat? Es resultierten 77 vielfältige, widersprüchliche und lesenswerte kurze Essays, die zum Nachdenken und Weiterdenken verführen, wenn nicht sogar dazu, dass ein Politiker wertvolle Impulse für sein Handeln erhält. Lesenswert für alle, die sich mit der Zukunft der Schweiz näher auseinandersetzen möchten, und Interesse an Impulsen und Denkanstössen haben.

 

Wallace, David Foster: Der Spass an der Sprache. Alle Essays.
(Köln: Kiepenheuer und Witsch 2018)

Ein unglaubliches Werk. Die gesammelten Essays eines der sprachgewaltigsten Journalisten der Moderne. Wenn heute manche Journalisten narrative Strukturen in ihre Stücke bringen, dann sind sie Epigonen von Wallace, der die Grenzen des literarischen Journalismus erweiterte. Die Stücke lesen sich nicht «einfach», sie sind dicht, reich, und detailversessen, aber in einer unglaublich präzisen, eigenen Sprache und mit phantastischen Bildern – die keine Fiktion sind, sondern einem subjektiven Blick auf die Realität geschuldet sind. Sein Essay „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ über eine Kreuzfahrt in der Karibik aus dem Jahr 1996 ist eine unglaublich präzise, ironische und gnadenlos genau beobachtete Analyse des Zeitgeists der Moderne, nicht nur auf einem Schiff. Und alles nicht erfunden, sondern Realität. Schreiben, was ist, aber eben brillant geschrieben.

 

Zeh, Juli: Neujahr.
(München: Luchterhand 2018)

«Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Rad den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, rekapituliert er seine Lebenssituation. Eigentlich ist alles in Ordnung, die Kinder gesund, der Job passabel. Aber Henning fühlt sich überfordert. Familienernährer, Ehemann, Vater - in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit einiger Zeit leidet er unter Panikattacken, die ihn heimsuchen wie ein Dämon. Als er schliesslich völlig erschöpft den Pass erreicht, führt ihn ein Zufall auf eine gedankliche Zeitreise in seine Kindheit. Schlagartig durchlebt er wieder, was ihn einmal fast das Leben gekostet und bis heute geprägt hat.» So der Klappentext. Mehr muss man nicht wissen, ausser, dass man nicht aufhören kann mit Lesen, bis man dieses kleine Wunderwerk fertiggelesen hat. Spannend und mehrschichtig.

 

Buckley, Veronica: Christina, Königin von Schweden. Das rastlose Leben einer europäischen Exzentrikerin.
Frankfurt/M: Die Andere Bibliothek. Eichborn 2005)

Christina, die Tochter des grossen Schwedenkönigs Gustav Adolf, war eine der berühmtesten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Geschichte. Eine Exzentrikerin, die sich selbst im Wege stand, an ihrer Aufgabe auch scheiterte, nach Rom, der Stadt ihrer Sehnsucht, flüchtete, auf das Königsamt verzichtete, oder verzichten musste, zum Katholizismus konvertierte (ein Sakrileg für die Tochter des Retters des Protestantismus im dreissigjährigen Krieg). Die Biografin Buckley ist weniger historisch korrekt, sondern lebt mit ihrer Figur mit, und schreibt eine literarische, selbst auch widersprüchliche Biographie über Christina. Das Buch habe ich vor mehr als zehn Jahren gekauft, und es erst jetzt gelesen. Heute wird es wohl nur noch antiquarisch verfügbar sein, aber jedes Buch aus Enzensbergers «Anderen Bibliothek» ist nur schon optisch eine Verführung zum Lesen.

 

Peltzer, Jörg: 1066. Der Kampf um Englands Krone.
(München: Beck 2016)

Im Sommer 2018 besuchte ich das Museum in Bayeux, wo der berühmte Wandteppich die Eroberung Englands durch Heinrich den Eroberer darstellt. Peltzer erzählt konzis, kenntnisreich und spannend die Ereignisse von 1066, in dem drei Feldherren um die Herrschaft Englands kämpften. Der Sieg des Normannen Heinrich bei der Schlacht von Hastings ist natürlich der entscheidende historische Moment, aber Peltzer zeigt die ganze Komplexität der Machtkämpfe, der Wendepunkte und der Zufälligkeiten, die am Ende dazu führten, dass sich Heinrich durchsetzen konnte. Ein faszinierendes Panorama des frühen Mittelalters.

 

Flaubert, Gustave: Bouvard und Pécuchet.
(Frankfurt/M: Die Andere Bibliothek. Eichborn 2003) (Original 1881)

Wie die meisten Bücher der «Anderen Bibliothek», die ich besitze, stand auch Flauberts Werk lange im Gestell, bevor ich es las. Die beiden Helden werden durch eine Erbschaft unvermittelt reich, und schaffen es, mit allerlei Projekten (Landwirtschaft und Schnapsbrennerei, Chemie und Medizin (samt Ayurveda), Geologie und Geschichte, Archäologie und Literatur, politische Ökonomie und Fitnesstraining, Esoterik und leider auch Theologie), in denen sie allesamt scheitern, ihr Vermögen durchzubringen. Eine Abrechnung Flauberts mit der Dummheit, bzw. Pseudogelehrtheit seiner Zeitgenossen. Nicht so hinreissend wie Madame Bovary, aber durchaus amüsant, wenn auch etwas schematisch und repetitiv.

 

Cohen, Albert: Die Schöne des Herrn.
(Stuttgart: Klett-Cotta 2012) (Original 1968)

Als Cohens Riesenwerk 1968 erschien, war es ein Buch, für das die «Superlative fehlten, weil es so anders glänzte, als alles, was es damals zu lesen gab.» (Andreas Isenschmid) Noch heute, 50 Jahre später, fällt es schwer, sich dem einzigartigen unvergleichlichen Sog dieser dramatischen Liebesgeschichte zu entziehen. Der reiche und schöne Solal, jüdischer Diplomat beim Völkerbund, verführt zu Beginn der 30er Jahre Ariane, die Frau eines Kollegen. Was als prickelnde Affäre beginnt, wird rasch zu einer beide Partner verschlingenden Passion. Nach den lustvollen und rauschhaften ersten Monaten versuchen Ariane und Solal immer verzweifelter, die Leidenschaft füreinander am Leben zu erhalten. Die anfängliche Lust wird zur Qual. Liebe schlägt um in Eifersucht und Entfremdung. Albert Cohens Meisterwerk ist einer der grössten Liebesromane des 20. Jahrhunderts und hat bis heute nichts von seiner Wucht verloren. (Google) Wer Marcel Proust’s «Recherche» liebt – und durchhielt bei der Lektüre – der wird auch die 1000 Seiten dieses Monumentalwerks der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts von A bis Z lesen und davon fasziniert sein.

 

Illies, Florian: 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte.
(Frankfurt: S. Fischer 2018)

Illies schrieb schon ein Buch über das Jahr 1913, das mich begeisterte. Aus unzähligen Dokumenten entwirft er eine Chronik des Jahres vor der grossen europäischen Katastrophe. Wussten Sie, dass Lenin und Hitler sich in diesem Jahr in Wien hätten treffen können? Jetzt legt Illies nochmals einen Nachfolgeband vor, mit neuen Ereignissen, Episoden, Menschen und Begegnungen. Ein Querschnitt der Kultur, Wissenschaft, Politik und der Gesellschaft in Europa, der sich wiederum höchst unterhaltsam, lehrreich und spannend liest.

 

Neumann, Peter: Jena 1800. Die Republik der freien Geister.
(München: Siedler 2018)

Die Zeit um 1800 gehört in Deutschland zum spannendsten, was das deutsche Geistesleben zu bieten hat. Die Weimarer Klassiker auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, die Romantiker in regem Austausch mit ihnen, aber auch schon mit neuen, eigenen Ideen. Die Philosophie geht über Kant hinaus in die Höhen des Deutschen Idealismus, was Kant nicht unbedingt gefreut hätte, aber was die Philosophiegeschichte in neue geistige Abenteuer stürzt. Fichte, Schelling, Hegel, Brentano, die Brüder Schlegel, Tieck, Novalis, und immer noch Goethe, Schiller, Herder, bilden eine Geistesgemeinschaft, die die deutsche Kultur auf Weltniveau hebt. Peter Neumann gelingt es, diese Zeit um 1800, wo Jena Weimar abzulösen beginnt als geistiges Zentrum, oder mindestens in Konkurrenz dazu steht, anschaulich, konkret und leidenschaftlich zu schildern. Nur schon die Lebensgeschichte von Dorothea Veit, Schlegel, Fichte, die als Schriftstellerin und Übersetzerin eine der zentralen Frauenfiguren im Kampf für das Recht auf Selbstbestimmung darstellt, ist die Lektüre des Buches wert.

 

Capus, Alex: Königskinder.
(München: Hanser 2018)

Tina und Max, schon lange ein Paar, werden bei einer Passfahrt nachts eingeschneit. Sie müssen die Nacht im Auto verbringen. Max erzählt Tina deshalb eine «wahre Geschichte» aus dem 18. Jahrhundert. Natürlich eine Liebesgeschichte, von Jakob, einem Kuhhirten, der sich in die Bauerstochter Marie verliebt, natürlich unstandesgemäss unglücklich. Jakob zieht nach Frankreich, in die Armee, und an den Hof Ludwigs XVI. Und den Rest müssen Sie selber lesen. Eine wunderschöne Liebesgeschichte, leicht dahin erzählt, und gerade deshalb so schwierig zu schreiben, auch eine Geschichte über den Sinn, den Wert von Literatur. Und ein Roman, der es schafft, eine Welt zu imaginieren, die nicht nur Tina wachhält, bis der Schneeräumungsdienst am andern Morgen sie entdeckt, sondern auch den Leser in Atem hält. Ich habe den Roman nicht weglegen können, bis ich ihn zu Ende gelesen habe. Ein wunderbares Beispiel dafür, was nur Literatur kann.

 

Eilenberger, Wolfram: Zeit der Zauberer. Das grosse Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929.
(Stuttgart: Cotta 2018)

Wenn Sie mit Philosophie, schon gar mit der Philosophie im 20. Jahrhundert wenig anfangen können, das aber ändern möchten, müssen Sie dieses Buch lesen. Eilenberger beschreibt das Jahrzehnt zwischen den Kriegen, wo die grossen Philosophen Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger und Ernst Cassirer daran sind, die moderne Philosophie zu gestalten und zu prägen. Es sind vier sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, in verschiedenen Lebensphasen, und mit sehr unterschiedlichem «Erfolg» mit ihrem Werk, Resonanz auf ihr Denken, die in der Gesellschaft der «verrückten Zwanziger» sich ihren Platz in der Geistesgeschichte erarbeiten. Selbstzweifel, Abstürze, finanzielle Schwierigkeiten, Ruhm, Kritik – alles ist dabei. Eilenberger gelingt es, in das Denken dieser vier Philosophen einzuführen, er macht Lust darauf, die Bücher, die sie geschrieben haben, selbst zu lesen, oder wieder zu lesen. Wer dieses Buch liest, versteht die Moderne besser, denn diese vier Denker haben auf ganz verschiedene Art und Weise ihre Zeit in Gedanken gefasst.

 

Roux, François: Die Summe unseres Glücks.
(München/Berlin: Piper 2015)

Dieses Buch habe ich einmal gekauft, und es dann im Büchergestell stehen lassen, um es erst im Herbst 18 wieder hervor zunehmen und zu lesen. Deshalb ist die Empfehlung für dieses Buch etwas verspätet, und vielleicht findet man keine Exemplare mehr davon im Handel. Das wäre schade. Denn es ist ein faszinierendes Porträt der französischen Gesellschaft in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, aber auch bis in die Gegenwart hinein. Denn Roux erzählt die Lebensgeschichten von vier Freunden. «Benoît wird Lokalreporter. Tanguy erkürt sich den jungen Unternehmer Bernard Tapie zum Vorbild, fällt zweimal durch die Uni-Prüfungen, bis er sie schliesslich schafft. Rodolphe schafft die Uni spielend, ist höchst karriereorientiert, lernt Alice kennen, die aus einer vermögenden Familie stammt, steigt sozial auf. Paul wird Schauspieler. Vier ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale, die vor allem, aber nicht nur durch die gemeinsame Jugend miteinander verbunden sind.» (www.rezensionen.ch) Roux verfällt dabei aus meiner Sicht nicht in Klischees, sondern schafft es, individuelle Schicksale mit gesellschaftlichen Phänomenen zu verbinden.

 

Kagge, Erling: Stille. Ein Wegweiser.
(Berlin: Insel 2017)

Kagge ist eigentlich kein Schriftsteller. Sondern ein Forscher, Abenteurer. Er war an den drei Polen der Welt: am Nord- und Südpol, und auf dem Mount Everest. Auf der einsamen Expedition an den Südpol war er 1300 Kilometer unterwegs ohne Funkkontakt mit der «Aussenwelt». Und erlebte die ohrenbetäubende Stille. Er hat ein absolut wunderbares Buch geschrieben, über etwas, was man kaum in Worte fassen kann. Er umschreibt die Stille mit 33 kurzen Texten, angereichert mit Fotografien. Er korrespondiert mit Künstlern, Schriftstellern (wie beispielsweise Jan Fosse). Das Ergebnis ist eine Meditation über das, was man eigentlich nicht sagen kann. Mit Einsichten, die berühren, die ruhig machen, und die gerade in der heutigen lärmigen Welt nötiger denn je sind. Eine Lektüre, die sich in mehrfacher Hinsicht lohnt. Unbedingt lesen, anschauen, und sich darauf einlassen.

 

Mc Ewan, Ian: Nussschale.
(Zürich: Diogenes 2016)

Mc Ewan gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern. (Allerdings muss ich gestehen, dass ich das über fast alle Autoren, die ich lese, sage. Für «schlechte» Bücher gilt wie beim Wein: das Leben ist zu kurz, um sich mit schlechter Qualität zu beschäftigen.) Der «Erzähler» ist ein heranwachsendes Embryo im Mutterleib von Trudy, die ihren Mann betrügt, und mit ihrem Geliebten beschliesst, den Mann, also den Vater des «Erzählers», umzubringen. Es ist eine Kriminalgeschichte, die spannend zu lesen ist. Aber bei Mc Ewan geht es natürlich auch und vor allem um Anderes, Interessanteres. Was, das müssen Sie selbst erkunden. Nur so viel: auf den Seiten 42 bis 47 entwirft der Erzähler eine «Vision der goldenen Welt», die er bald betreten wird, die es schafft, ein Panorama der gegenwärtigen Welt zu zeigen, das konziser ist als unzählige Zeitungsartikel, Statistiken und Regierungserklärungen. Grossartig. Nur schon diese fünf Seiten lohnen die Lektüre. Der Titel ist aus einem Zitat aus dem «Hamlet» entnommen: «O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären». Deshalb ist die ungewöhnliche Wahl der Erzählerperspektive auch sinnvoll.

 

Lappert, Rolf: Über den Winter.
(München: Hanser 2016)

Lapperts Roman «Nach Hause schwimmen» fand ich grandios. Auch in diesem Roman erschafft er mit einem genau beobachtenden, lakonischen Stil eine eigentümliche Atmosphäre. Es geschieht nicht viel, äusserlich, aber im Innern der Figuren umso mehr. Lennard Salm, ein Künstler, fährt zurück nach Hamburg, weil seine ältere Schwester gestorben ist. Er begegnet wieder seinem Vater, der, fast erblindet und gebrechlich, auf Hilfe angewiesen ist, seiner jüngeren Schwester, die ihre Arbeit verliert und Menschen, die in dem alten Haus seines Vaters leben. In der Begegnung mit seiner Familie beginnt Salm seine bisherige Lebensweise immer mehr zu hinterfragen, bis er einen Neuanfang beschliesst, ohne zu wissen, wohin dieser ihn führen soll. Ein stilles, feinfühliges Werk, das den Alltag poetisch macht.

 

Blom, Philipp: Gefangen im Panoptikum. Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart.
(Wien/Salzburg: Residenz 2017)

Der Titel bezieht sich auf ein Werk des Utilitaristen Jeremy Bentham, Das Panoptikum. Bentham war einer der Vordenker der Aufklärung und entwarf rational durchkomponierte Gesellschaftsmodelle, in denen alles vernünftigen Prinzipien zum Wohl aller Menschen unterworfen ist. Blom thematisiert die Krise der Grundsätze der Aufklärung im 21. Jahrhundert, indem er einen Blick zurückwirft, auf Kant, Hobbes, Roussau und andere Denker, denen wir die moderne Konzeption des Rechtsstaates verdanken, aber auch die rationalen Utopien, deren sich Diktatoren bemächtigten und Millionen von Menschen im Namen dieser Ideen umbrachten. Blom kritisiert in einem emotionalen Essay, dass sich unsere heutige saturierte Gesellschaft immer mehr von den Idealen der Aufklärung entfernt. Und gerade dadurch Wohlstand, Freiheit und Sicherheit mehr denn je gefährdet sind.

 

Andric, Ivo: Wesire und Konsuln.
(Wien: Zsolnay 2016)

Andric, Nobelpreisträger, war 1939 jugoslawischer Botschafter in Berlin. Während der Kriegsjahre schrieb er seine berühmt gewordenen Romane. «Wesire und Konsuln» handelt vom wechselnden Schicksal des bosnischen Städtchens Travnik während der napoleonischen Kriege. Der Ort ist Schauplatz für die Konflikte zwischen dem Osmanischen Reich, Frankreich und Österreich, die alle ihre Vertreter und Botschafter dort stationiert haben. Der Roman hat seine Aktualität nicht eingebüsst, im Gegenteil, denn Andric versteht es ausgezeichnet, in dieser historischen Geschichte auch Bezüge zur Gegenwart, auch auf die Konflikte zwischen dem Islam und dem Westen, sowie die Gefahren des Nationalismus und Imperialismus zu verweisen. Ein hoch politischer Roman, der es versteht, anschaulich und lebendig die historische Welt mit der Gegenwart zu verbinden.

 

Judson, Pieter M.: Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740-1918.
(München: Beck 2017)

Wer die gängigen Klischees über den Vielvölkerstaat Habsburg korrigieren möchte, liegt mit diesem packend und interessant geschriebenem Wert von Judson richtig. Es gelingt ihm, zu zeigen, dass das Habsburgerreich keineswegs (nur) als die unterdrückende Grossmacht wahrgenommen werden darf. Im Gegenteil: die bürgerlichen Schichten, auch die Arbeiterklasse, konnte sich immer wieder auf die Institutionen Wiens berufen, um gegen Allmacht und Rechtswidrigkeit der lokalen Herrschenden anzugehen. Judson beschreibt die Entwicklung des Reichs anhand des Alltags der Menschen, und diese Beschreibung ist so vielfältig wie Habsburg. Als dieses nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel, entstanden daraus wiederum eigene «Vielvölkerstaaten». Wir kennen den Verlauf der Geschichte, und können zweifeln, ob es eine Entwicklung zum Bessern für die Bevölkerung war.

 

Rachman, Tom: Aufstieg und Fall grosser Mächte.
(München: dtv 2014)

Der Titel ist irreführend, aber sinnvoll (wenn man das Buch gelesen hat). Es geht nicht um die grossen Weltmächte, sondern im Gegenteil um ein Leben, allerdings ein spannendes, verwickeltes und rätselhaftes, das Leben der Buchhändlerin Tooly Zylberberg aus einem Städtchen in Wales. Sie wurde als Kind von ihrem eigenen Vater entführt. Dann wird sie dem Vater weggenommen. Sie wächst in Amerika, Asien und Europa auf, immer auf Reisen. Sie gewinnt Freunde, die ihr helfen, aufzuwachsen, die Eltern ersetzen. Aber auch diese verschwinden plötzlich und tauchen Jahre später wieder auf. Tooly ist sich selbst ein Rätsel, und der Roman handelt davon, wie sie ihre eigene Existenz erforscht, um am Ende ihre Identität zu finden. Das alles ist wunderbar, auf verschiedenen Zeitebenen erzählt und so rätselhaft spannend, dass die Lektüre kaum vor dem Ende gestoppt werden kann. Gleichzeitig ein Panorama unserer Welt von den 80er Jahren bis in die Gegenwart.

 

Cave, Nick: The Sick Bag Song. Das Spucktütenlied. Zweisprachige Ausgabe.
(Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016)

«Im Sommer vor zwei Jahren machte sich ein müder, dünner Mann auf Inlandflügen über Nordamerika dadurch verdächtig, dass er weder mit den üblichen Gerätschaften herumhantierte, mit Tabletts und Telefonen, noch mit Stöpseln in den Ohren vor sich hindämmerte oder in den Bordbroschüren blätterte. Er schrieb und zeichnete. Mit Blei- und Buntstiften. Auf Kotztüten. Der Mann mit den brünierten Haaren im zu kleinen Anzug war Nick Cave, der Popstar und Poet. Er reiste durch Amerika und Kanada von Festival zu Festival, wie es den Musikern im 21. Jahrhundert abverlangt wird, da die Menschen lieber Geld ausgeben, um ihnen beim Musizieren zuzusehen, als nur ihre aufgenommene Musik zu hören. Nick Cave war schon im Flugzeug unterwegs, als kaum einer der Festivalfreunde von heute auf der Welt war. Früher nahm er Drogen. Heute lebt er in Südengland am Kanal, in Brighton, wo er morgens in den Keller geht und arbeitet, um nachmittags zum Tee wieder hinaufzukommen, zu seiner Familie. Als sein Buch „The Sick Bag Song“ erschien, im Original vor einem Jahr, war seine kleine Welt in Brighton noch im Lot. Im Sommer dann war sie es nicht mehr. Sein Sohn Arthur, 15 Jahre alt, fiel von den Klippen und war tot.» (Zitat: Rezension von Michael Pilz, www.welt.de) Nick Caves Buch ist ein poetischer Songtext, ein lyrisches Meisterwerk gelungen.

 

James, Henry: Die Gesandten.
(München: Hanser 2015)

Wenn ich gefragt würde, die Werke welchen Autors auf die berühmte Insel gehören würden, Henry James wäre ein Favorit. „Die Gesandten“ ist ein spätes Werk, und für James selbst eines seiner besten. Wie immer, geschieht wenig an äusserer Handlung, aber sehr viel im Innenleben seiner Figuren. Und wie immer verschieben sich Wahrnehmungen, Gefühle, Beziehungen langsam, unmerklich, bis dann plötzlich eine entscheidende Wende, eine neue Erkenntnis, alles verändert. Der Plot ist schnell erzählt: Lewis Lambert Strether, wird von seiner zukünftigen Frau, einer Witwe, gebeten, sich um ihren Sohn in Paris zu kümmern, und ihn zu motivieren, das Unternehmen in den Vereinigten Staaten zu übernehmen, und nicht länger den Reizen Europas zu erliegen. In Paris angekommen, trifft Strether auf eine Welt, die ihn verändern wird. Das Verhältnis zwischen Amerika und Europa ist ein wiederkehrendes Motiv in James’s Werken. Aber das Faszinierende ist die Art und Weise, wie James dieses Motiv umsetzt. Wer langsam lesen kann, genau lesen kann, oder es lernen will, für den hält James Lektüreerfahrungen bereit, die unvergleichlich sind.


Stamm, Peter: Weit über das Land.
(Frankfurt a.M: S. Fischer 2016)

Thomas ist Vater zweier Kinder, verheiratet, Angestellter, und lebt in einer Kleinstadt in der Schweiz. Er führt ein ziemlich gewöhnliches, durchschnittliches Leben. Auch kein unglückliches. Dennoch beschliesst er eines Tages, alles hinter sich zu lassen, und wandert los. Seine Frau Astrid geht anfangs noch davon aus, dass er wieder zurückkommen wird, bis ihr klar wird: er hat sein ganzes altes Leben hinter sich gelassen. Sie beginnt ihn zu suchen.
Peter Stamm erzählt in einer lakonischen, nüchternen Sprache, wie jemand konsequent «aussteigt», was er damit auslöst bei den Menschen, die glaubten, ihn zu kennen. Damit zieht er den Leser förmlich in die Geschichte hinein, gerade weil er dem Leser die Freiheit überlässt, die Motive von Thomas zu ergründen. Der Schluss dieses kurzen, aber packenden Romans ist überraschend und poetisch. Ein Lese- und Erkenntnisgewinn.


Siedentop, Larry: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt.
(Stuttgart: Klett-Cotta 2015)

Mehr denn je geraten unsere bisher für selbstverständlich gehaltenen westlichen Werte unter Druck. Der sich rasant ausbreitende islamische Fundamentalismus, aber auch das autoritäre China treten als machtvolle Antipoden zum westlichen Liberalismus, zur Idee der Freiheit und des Rechts des Individuums auf die Bühne der Weltgeschichte. Vor diesem Hintergrund nimmt Larry Siedentop die Geschichte der Entstehung unseres westlichen Wertesystems neu in den Blick. In einem nahezu zwei Jahrtausende überspannenden Bogen erzählt er von den entscheidenden philosophischen Wendepunkten. Ein grosser geschichtlich-philosophischer Wurf, der zeigt, was den Westen ausmacht - und einmal mehr zu Bewusstsein bringt, dass nur, wenn wir uns selbst verstehen, ein fruchtbares Gespräch mit anderen Kulturen möglich ist. Was sind eigentlich die viel beschworenen westlichen Werte? Wann entstand die Idee des freien Individuums, auf der unsere Gesellschaft bis heute basiert? Das anregende, grosse historische Zeiträume überspannende Buch gibt überraschende Antworten auf zentrale Fragen der abendländischen Identität.“ (www.buch.ch).
Dieses Buch ist ein Augenöffner. Wer meint, die Wertedebatte sei im Westen nicht nötig, und Christentum und Aufklärung seien ein Widerspruch, wird aus der Lektüre dieses epochalen Textes neue Erkenntnisse gewinnen. Interessanterweise wurde im «Tagesanzeiger» eine sehr positive Rezension kaum beachtet, genauso wenig wie im deutschsprachigen Raum auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Siedentop eher ausgeblieben ist. Bis jetzt.

 

Strauss, Botho: Herkunft.
(München: Hanser 2014)

Ein kleines Juwel. Botho Strauss erinnert sich an seine Kindheit und Jugend, an eine Zeit, die längst versunken scheint, und uns heute fast unrealistisch anmutet. Die Auseinandersetzung mit seinem Vater, mit seiner eigenen Geschichte, und der Prägung durch seine Heimat, ist für Botho Strauss ungewöhnlich persönlich. «Man wird verdrängt nicht mehr von avantgardistischen Nachfolgern, sondern von grundsätzlich amusischen Andersgearteten, Islamisten, Mediasten, Netzwerkern, Begeisterten des Selbst. Was aber Überlieferung ist, wird eine Lektion, vielleicht die wichtigste, die uns die Gehorsamen des Islam erteilen. So bleibt dem deutschen Schriftsteller, sofern er ein Schriftsteller des Deutschen ist, nichts anderes, als sich neu zu beheimaten.» Das schrieb Strauss in einem Essay im «Spiegel» (2.10.2015). Strauss war schon immer unzeitgemäss, zum Glück des Lesers.

 

Winkler, Heinrich August: Geschichte des Westens.
(München: Beck 2009)

Ein Monumentalwerk. Die Geschichte des Westens, seine Identität, seine Werte und seine Errungenschaften, das «normative Projekt des Westens», das Freiheits- und Bürgerrechte, Demokratie und technischen Fortschritt hervorbrachte, wird von Winkler aufgearbeitet und umfassend dargestellt. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs schliesst er seine Geschichte ab. Das mag auf den ersten Blick überraschen. Ideengeschichtlich ist es verständlich, denn die Ideologien, die die Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts prägten, entstanden wesentlich im 19. Jahrhundert. Aber der Untergang des Kommunismus war nicht das Ende der Konkurrenz zwischen der liberalen Demokratie und Gegenentwürfen zum westlichen System. Die Auseinandersetzung zwischen westlicher Demokratie, Faschismus, Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus ist zwar beendet, aber das Ende der Geschichte nicht eingetroffen. Die westliche Demokratie wird heraus gefordert durch neue Ideologien. Winkler gibt einen Kompass, Orientierung, wie sich auch im 21. Jahrhundert das westliche Lebensmodell bewahren lassen könnte. Indem man die eigene Geschichte erst einmal wiederentdeckt.


Schimmelpfennig, Roland: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
(Frankfurt a.M: S. Fischer 2016)

«Der erste Roman von Deutschlands meistgespieltem Dramatiker. Nachts auf einer eisglatten Autobahn, achtzig Kilometer vor Berlin: Ein Tanklaster legt sich quer und kippt um. Auf dem Standstreifen, kurz im Blaulicht der Feuerwehr: ein einzelner Wolf. Bis Berlin reichen die Spuren des Wolfs, und sein Weg kreuzt sich immer wieder mit den Wegen und Schicksalen unterschiedlicher Menschen. Mit zwei Kindern, die von zu Hause weggelaufen sind und durch Wald und Stadt irren. Mit dem polnischen Bauarbeiter, der verzweifelt nach seiner Freundin sucht. Mit der Frau, die morgens auf dem Balkon die Tagebücher ihrer Mutter verbrennt. Wie in einem Schwarzweissfilm, in dem gelbes Winterfeuer flackert, ziehen die Bilder und Geschichten dieses Romans an uns vorbei. Sie erzählen vom Suchen und Verlorensein, von der Kälte unserer Zeit und der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ein Roman von großer visueller Kraft, dessen Poesie und Schönheit man sich nicht entziehen kann.» (Zitat Klappentext). Ich kann dem nur zustimmen. Ein rätselhaftes Buch, das vieles offen, und der Phantasie des Lesers überlässt, gerade weil Schimmelpfennig nicht psychologisiert, sondern wie ein Maler eindrückliche Bilder schafft, die bleiben.

 

Abrams, J.J. und Dorst, Doug: Das Schiff des Theseus.
(Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015)

Ich bin nicht sicher, ob es von diesem Wunderwerk noch Exemplare gibt. Das ist mehr als ein Buch, mehr als eine Geschichte, und es sprengt die Grenzen der Literatur. Eine junge Studentin findet in der Bibliothek ein Buch, in das ein anderer Student Hunderte von Randbemerkungen gekritzelt hat, offenbar im Bemühen, der wahren Identität des unter Pseudonym schreibenden Autors V. M. Straka auf die Spur zu kommen. Die junge Frau ist fasziniert und ergänzt die Notizen mit eigenen Mutmassungen. Zwischen den beiden Studenten Jen und Eric entspinnt sich eine lebhafte Unterhaltung, die allein auf den Seiten des Romans «Das Schiff des Theseus» stattfindet. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem mysteriösen Autor V. M. Straka. Ein unbekannter Übersetzer hat den Roman herausgegeben und ihn mit teilweise verwirrenden Fussnoten versehen. Doch die beiden finden heraus, dass diese Fussnoten einen geheimen Code ergeben, der ihnen Informationen liefert, die der Straka-Forschung bisher völlig unbekannt waren. Was wie ein Spiel beginnt, wird im Laufe der Zeit bitterer Ernst, denn jemand scheint Interesse daran zu haben, dass die Identität des Autors nicht gelüftet wird. Jen und Eric geraten in gefährliche Verstrickungen, die sie fast das Leben kosten. Ein unglaublich komplex komponierter Roman. Der Titel «Schiff des Theseus» spielt auf ein philosophisches Gedankenexperiment an, bei dem es um Identität und Wandel geht. Das Spiel mit Identitäten ist denn auch faszinierend umgesetzt in diesem Gesamtkunstwerk. Grossartig.

 

Catton, Eleanor: The Luminaries.  
(Toronto: McClelland & Stewart 2013). 

Eleanor Catton gewann 2013 mit diesem Werk den Booker Preis, erst 28jährig. «Als der Schotte Walter Moody im Jahr 1866 nach schwerer Überfahrt nachts in der Hafenstadt Hokitika anlandet, trifft er im Rauchzimmer des örtlichen Hotels auf eine Versammlung von zwölf Männern, die eine Serie ungelöster Verbrechen verhandeln. Und schon bald wird Moody hineingezogen in die rätselhaften Verstrickungen der kleinen Goldgräbergemeinde, in das schicksalhafte Netz, das so mysteriös ist wie der Nachthimmel selbst.» (Random House, Bertelsmann) Erzählweise und Struktur dieses 800 Seiten Romans sind unglaublich fein und vieldeutig durchkomponiert, nach astronomischen oder astrologischen Elementen gestaltet, deshalb der Titel. Dabei versteht es Catton, intelligent, spannend und witzig zu schreiben. Ein Lesevergnügen. Auf weitere Romane kann man gespannt sein.

 

Lanchester, John: Kapital.  
(Stuttgart: Klett-Cotta 2012). 

Lanchester stellt die Bewohner einer Strasse in London vor, der Pepys Road: ein Banker, der ein Opfer der Finanzkrise wird, ein junger Fussballspieler aus Afrika, der einen grossen Vertrag bei einem Londoner Club erhält, eine Witwe, die schon hier lebte, als das Viertel noch ein Arbeiterquartier war, eine Pakistanische Familie, deren Mitglieder in den Kreis von Islamisten geraten, und andere mehr. Sie alle erhalten anonym Mitteilungen: «Wir wollen, was Ihr habt.» Lanchester gelingt es, ein realistisches und farbiges Porträt von London zu zeichnen, und gleichzeitig die Bedrohungen, Krisen und Verwerfungen der «westlichen Welt» zu thematisieren. Witzig, teilweise satirisch, aber immer präzis, ohne Klischees und unterhaltsam. Wiederum ein Beispiel für beste angelsächsische Literatur, die es öfter als andere schafft, Gegenwartskunst zu sein.

 

Nicholls, David s: Us. 
(New York: HarperCollins 2014) 

Connie verkündet ihrem völlig überraschten Ehemann Douglas, dass jetzt, nach über zwanzig Jahren glücklicher Ehe, der ideale Zeitpunkt für eine Trennung und einen Neuanfang gekommen sei. Die geplante gemeinsame Reise durch Europa, wie sie die Grand Tour früher gewesen sei, zusammen mit Sohn Albie, soll der Schlusspunkt ihrer Ehe werden. Unterwegs erinnert sich Douglas an ihre zahlreichen Erlebnisse und an die verschiedenen Phasen ihrer Beziehung und hofft, seine Frau auf dieser Reise zurückzugewinnen und zugleich die Beziehung zu seinem Sohn vertiefen zu können – ein ambitioniertes Unterfangen, das trotz akribischer Planung unerwartete Wendungen nimmt. Wer Nicholls, den Autor des Romans «One Day» mag, wird auch dieses Buch lieben. Humorvoll, witzig, liebevoll zu den Menschen, und dem, was das Leben aus ihnen gemacht hat.

 

Pynchon, Thomas: Bleeding Edge.
(Reinbeck b. Hamburg: Rowohlt 2014)

Pynchon muss man nur noch Leserinnen und Lesern empfehlen, die ihn nicht kennen. Alle, die je eines seiner Bücher lasen, wissen, dass er zu den spannendsten, unterhaltsamsten Autoren der Gegenwart gehört. Ein unverwechselbarer Stil, schräge Figuren und Szenen, absolute Meisterschaft. Worum es geht, ist wie immer schwierig zu beschreiben. Deshalb ein Zitat aus der Besprechung in The Atlantic, 2013: «Global conspiracy, apocalyptic fantasies, terrorist cells, cybernetics, ballistics, government intelligence, Jacobean tragedy, coded messages conveyed by courier, a screaming that comes across the sky: September 11 had all the makings of a Thomas Pynchon novel. And now it is one. The jacket copy—written, unmistakably, by Pynchon himself—describes Bleeding Edge as «a historical romance of New York in the early days of the Internet,» but this is a red herring (as is the suggestion that Jerry Seinfeld will «make an unscheduled guest appearance»; he won’t, though Jennifer Aniston will). Bleeding Edge is about the birth of the Internet age. It is also about the birth of the age of terror. The two are, after all, the same age. A coincidence? Pynchon, as his readers well know, does not believe in coincidences.» Unbedingt lesen.

 

Franzen, Jonathan: Unschuld.
(Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2015)

Manchmal habe ich den Eindruck, angelsächsische Autoren hätten mehr als andere die Fähigkeit, Zeitgenössisches in Literatur zu verwandeln, sie hätten weniger „Angst“ vor den grossen Themen. Der neue Roman von Franzen schafft es dieser grossartige Autor wiederum, die Wiedervereinigung, das Internet, moderne Technologien (wie Pynchon), Whistleblower mit dem Schicksal von Figuren wie der jungen Pip Tyler, die ihren Vater nicht kennt, und von der Mutter krankhaft umsorgt wird, zu verbinden.  Sodass wiederum ein grossartiges Buch über unsere Zeit, jugendlichen Idealismus und der Kampf zwischen Generationen und Geschlechter entstanden ist. 800 Seiten, aber man hat sie schnell gelesen, denn man kann kaum aufhören. Franzen zeigt wiederum, dass er zu Recht zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart gehört.

 

Tyler, Anne: Die Reisen des Mr Leary.
(Zürich: Kein & Aber 2015)

Eine sehr vergnügliche Lektüre, die aber keineswegs nur oberflächliche Unterhaltung bietet. Mr Leary schreibt Reiseführer für Leute, die nur aus geschäftlichen Gründen reisen müssen, und die das nicht gerne tun. Er ist ein unglaublich pedantischer, ordnungsliebender Mensch. Nach der Ermordung seines jungen Sohnes und der Trennung von seiner Frau gerät er in eine Krise. Bis Muriel, eine junge Frau, die seinen Hund erziehen soll, auftaucht. Mr Leary wird durch diese Person aus seinem absolut geordneten Alltag heraus gerissen. Und hat dann plötzlich das Problem, sich zwischen Muriel und seiner Frau Sarah entscheiden zu müssen. Tyler hat einen wunderbar präzisen, ironischen, aber auch liebevollen Stil, mit dem sie die Skurrilität von Mr Leary dem Leser immer sympathischer macht.

 

Mc Ewan, Ian: The Children Act.
(London: Jonathan Cape 2014)

Mc Ewan hat die bewundernswerte Fähigkeit, in seinen Romanen zeitgenössische Probleme oder Entwicklungen anschaulich, spannend und interessant darzustellen. So auch in seinem neuesten Text, wo es um eine Richterin geht, die sich mit Fällen befassen muss, wo das Kindeswohl eine zentrale Rolle spielt. Konkret weigert sich ein 17jähriger lebensbedrohend kranker Junge, Bluttransfusionen anzunehmen, ohne die er recht sicher sterben würde. Er tut dies aus religiöser Überzeugung, und wird in dieser Haltung von seinen Eltern bestärkt. Da er noch nicht volljährig ist, muss das Gericht entscheiden, ob er die Transfusionen auch gegen seinen Willen, aber zu „seinem Besten“, erhalten soll. Die Richterin wird mehr und mehr in den «Fall» hineingezogen, und mit durchaus dramatischen Konsequenzen ihres Entscheids konfrontiert. Mc Ewan schafft es, die verschiedenen Perspektiven und Anschauungen, die hier aufeinanderprallen, glaubwürdig darzustellen.


Wolitzer, Meg: Die Interessanten.
(Köln: DuMont 2014)

Ein grosser Gesellschaftsroman über die USA der letzten vierzig Jahre. Julie wird als junges Mädchen während eines Summercamps in eine Gruppe von fünf andern Jugendlichen aufgenommen, die sich selbst als «Die Interessanten» bezeichnen, und das nicht nur ironisch meinen. Die Lebenswege dieser Menschen verbinden, kreuzen sich, und gehen wieder auseinander. Aufstieg, Erfolg, aber auch Scheitern und Schuld, sowie die Wichtigkeit von Freundschaft: alles natürlich Themen, die in vielen Büchern vorkommen. Wolitzer macht aus diesen Themen aber einen sehr eigenen Text, der eine hoch differenzierte Sicht auf gesellschaftliche und seelische Entwicklungen und Verwerfungen frei gibt. Die New York Times stellt diesen Roman auf die gleiche Ebene wie Jonathan Franzens «Freiheit» oder Jeffrey Euginides «Die Liebeshandlung», zu Recht.


Marai Sandor: Die Eifersüchtigen.
(München: Piper 2015. Originalausgabe 1937)

Ich lese Marai sonst sehr gern, aber nach der Lektüre dieses Romans war ich leicht enttäuscht. Es geht um Geschwister, die sich wegen des Sterbens des Vaters sich noch einmal in ihrem Familiensitz treffen. Obwohl manche Kritiker dieses Buch den «Buddenbrooks» gleich stellen, finde ich, die Stärken von Marai eher in der Anschaulichkeit als in der Symbolik, von der dieser Roman durchsetzt ist. Der Tod des Vaters verkörpert auch den Untergang der österreichisch-ungarischen Kultur und das Auseinanderbrechen der traditionellen Normen.


Holm, Tetens: Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie.
(Stuttgart: Reclam 2015)

Was ist vernünftiger: Zu behaupten, dass die Menschen Geschöpfe eines gerechten und gnädigen Gottes sind, oder zu behaupten, dass die Menschen ausschliesslich Stücke hochkompliziert organisierter Materie sind? Wer heutzutage religiöse Überzeugungen vertritt, wird im Westen meistens belächelt. Holm zeigt mit sehr interessanten Argumenten auf, dass auch im 21. Jahrhundert die rationale Theologie ernst zu nehmen ist. Etwas Kenntnisse in der Logik helfen bei der Lektüre, aber auch ohne diese ist das kleine Büchlein von Holm verständlich, klar. Wer sich mit «Gott und der Welt» auseinandersetzen möchte, findet hier sehr anregende Gedanken, deren Widerlegung anspruchsvoll sein könnte.


Knausgard, Karl Ove: Sterben.
(München: btb 2013)

Eigentlich ist das keine Literatur, im Sinne von künstlerischer Sprache oder stilisierter Wirklichkeit. Sondern ein tagebuchartiger, selbstkritischer, unbarmherziger Blick auf die eigene Jugend. Es ist der erste Roman einer angekündigten sechsbändigen Serie, mit der Knausgard sich selbst, sein Leben, schonungslos darstellen will. In «Sterben» geht es vor allem um die Auseinandersetzung Knausgards mit seinem dominanten Vater. Als dieser stirbt, müssen die beiden Brüder einen absolut verwahrlosten Haushalt räumen, und dabei zeigt sich ihnen ein Bild des Grauens. Das Buch machte Furore. Ich bin nicht ganz sicher, ob Voyeurismus nicht auch ein Grund ist für die grosse Zustimmung, die dieser Roman fand. Selber lesen!


Agamben, Giorgio: Opus Dei. Archäologie des Amts.
(Frankfurt/M: Fischer Wissenschaft 2013)

Ein recht schwieriges, aber sehr gelehrtes Buch. Agamben macht eine «Archäologie» von moralischen und politischen Begriffen. Er zeigt, wie die Sprache der christlichen Liturgie Ontologie und Ethik der europäischen Geistesgeschichte mitbestimmten. Die Beziehungen zwischen Sprache und Praxis, für die heutige Linguistik selbstverständlich, sind bereits in der frühchristlichen und mittelalterlichen Theologie und Philosophie gedacht worden. «Opus Dei», das Werk Gottes, bezeichnet die Liturgie als Vollzug des Priesteramts. In der Liturgie werden erste Ansätze eines ganzen ontologischen Paradigmas formuliert, die für unsere Kultur und unsere Auffassung des «Amts» (auch in der Politik) bestimmend wurden. Wie gesagt: schwierig, und Lateinkenntnisse helfen. Aber lohnend.


Dicker, Joël: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert.
(München: Piper 2013)

Achtung! Nur mit Lesen beginnen, wenn Sie Zeit haben, 700 Seiten in einem Zug durchzulesen! Denn Sie werden nicht aufhören können, bevor Sie nicht «die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» kennen, und wie bei jedem brillant gemachten Roman ist das erst ganz am Ende. Ich jedenfalls verdanke dem Buch eine schlaflose Nacht. Das Buch ist nicht bloss Krimi, sondern eine blitzgescheite und animierte Reflexion über das Schreiben, die Kunst, ein Sittengemälde aus den USA. Unbedingt lesen!


Pessl, Marisha: Die amerikanische Nacht.
(Frankfurt a.M.: Fischer 2013)

Pessl erster Roman «Die alltägliche Physik des Unglücks» sorgte 2006 für Furore. Ich war auch begeistert. Neun Jahre später schafft sie das Kunststück eines weiteren Meisterwerks. In Manhattan wird eine 24jährige Tochter eines Regisseurs tot aufgefunden. Pessl lässt die magische Welt von Filmen mit der Realität verschwimmen, sie führt den Leser in Abgründe, auf falsche Fährten und verwendet Collage Techniken, die neuen Medien und weitere Stilmittel virtuos, spannend und ergreifend. Das lange Warten auf ihren zweiten Roman hat sich mehr als gelohnt.


De Botton, Alain: Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanweisung.
(Frankfurt a.M: Fischer Taschenbuch 2014)

Wenn unsere Zeit keinen Mangel an etwas hat, sind es Informationen und Nachrichten. De Bottons «Gebrauchsanweisung» ist ein wertvoller Ratschlag, wie man sich in dieser Informationsflut zurecht finden kann, welche Nachrichten relevant sein sollten, und welche nicht, und was wir dazu beitragen können, kritische, interessierte und offene Zeitgenossen zu bleiben in einer Welt, in der Medien immer mehr Macht über uns haben. Dass De Botton sich philosophisch immer wieder mit alltäglichen Themen auseinandersetzt, ohne je langweilig oder bloss belehrend dogmatisch zu werden, macht ihn zu einem der anregendsten Philosophen der Gegenwart.


Thomas Hettche: Pfaueninsel.
(Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014)

Ich hatte 1989 die Gelegenheit, die Pfaueninsel zu besuchen, als sie am äussersten Ende Westberlins lag und man von hier am andern Ufer der Havel in die DDR blickte. Es war damals ein wunderbar stiller Ort. Seit der Wende liegt sie auf dem Weg nach Potsdam, und die Stille ist weg. Hettche beschreibt in einer Mischung aus Geschichte und Fiktion das Schicksal der «Bewohner» dieser Insel im 19. Jahrhundert: Riesen, Zwerge, Mohren, allerlei exotische Tiere und Pflanzen, die sich die Fürsten der damaligen Zeit zu ihrer Unterhaltung hielten, ohne sich um die Würde der «Exponate» gross Gedanken zu machen. Eine stille und fein gezeichnete Studie eines Ortes und einer Zeit, die an Jahren noch nicht so weit weg ist, aber dennoch vollkommen fremd geworden scheint.


Kahnemann, Daniel: Schnelles Denken. Langsames Denken.
(München: Siedler, Random House 2014)

Der Nobelpreisträger für Wirtschaft des Jahres 2002 veröffentlichte dieses Buch in Englisch 2011. Kahnemann zeigt auf, wie Urteils- und Entscheidungsprozesse beim Menschen zustande kommen, basierend auf massgeblichen psychologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Wie viel Intuition, wie viel Rationalität machen unsere Entscheide in welchen Situationen aus? Kahnemann zeigt höchst unterhaltsam und spannend auf, wie in unserem Bewusstsein das ausgelastete und erschöpfte «System 2» mit dem schnellen und mühelosen «System 1» miteinander konkurrieren. Wer sich dafür interessiert, eigene Urteile und Entscheidungen zu analysieren, findet bei Kahnemann viele spannende Impulse dafür.


Von Schirach, Ferdinand: Tabu.
(München, Zürich: Piper 2015)

Von Schirach ist ein herausragender Stilist, ein meisterhafter Erzähler. Seine klaren Sätze, eine elegante Sprache, seine Zurückhaltung und die Fähigkeit, äusserst spannend zu erzählen, machen ihn für mich zu einem herausragenden Autor. Bei diesem Buch war ich auf den ersten Seiten enttäuscht, gerade weil ich andere Erwartungen hatte. «Was soll das?» fragte ich mich dauernd, die Handlung kam nicht voran, und ich langweilte mich. Dann aber, plötzlich, so in der Mitte des Buches, packte es mich – und ich musste in einem Zug zu Ende lesen. Erst am Ende verstand ich dann, was der «langweilige» erste Teil sollte. Und ich musste zugeben: wiederum ein meisterhafter Roman!


Abulafia, David: Das Mittelmeer. Eine Biographie.
(Frankfurt a.M: Fischer Taschenbuch 2014. Engl. Original 2011)

Wer findet, Geschichte sei langweilig, kennt dieses Buch des Professors für Geschichte an der Universität Cambridge nicht. Abulafia beschreibt die 3000 jährige Geschichte des Mittelmeers, der Wiege der westlichen Kultur. Das erste Bild zeigt einen Tempel aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. auf Malta, das letzte Bild ein Boot mit afrikanischen Migranten an der Strasse von Gibraltar. Dazwischen Aufstieg und Niedergang grosser Imperien. Wer sich mit der Geschichte des Westens auseinandersetzen will, findet hier deren grossartige Erzählung.


Hawkins, Paula: Girl on the Train.
(München: Blanvalet, Random House 2015)

Eine Pendlerin mit ziemlich viel psychischen Problemen und einer grossen Phantasie macht eines Tages auf ihrer täglichen Bahnstrecke eine beunruhigende Entdeckung. Bis der Leser - und die Pendlerin – wissen, ob sie sich täuschten, bis sie die Wahrheit wissen, und bis man der Pendlerin glaubt, vergehen ein paar Stunden hoch spannender Lektüre. Ich vermutete während des Lesens die Wahrheit, aber war mir nicht sicher. Am Ende war ich doch etwas stolz auf meine Intuition. Ein sehr guter Krimi, mehr nicht, aber mehr muss auch nicht immer sein, damit man als Leser auf seine Kosten kommt.


Blatter, Silvio: Wir zählen die Tage nicht.
(München: Piper 2015)

Ich kann mich noch an die Lektüre von Blatters «Freiämter Trilogie» erinnern, vor gut 20 Jahren, und meine Erinnerung daran ist sehr schön. Auch das neueste Buch ist eine feinsinnige Geschichte über eine Familie, das gute Älterwerden, wo man eben «die Tage nicht zählt», Hoffnungen und Enttäuschungen der Generation, die jetzt etwa 40plus ist. Unprätentiös, realistisch, psychologisch genau hingesehen, und unterhaltsam. Moderne Schweizer Literatur, wie sie mir gefällt.


Calvet, Louis-Jean: Roland Barthes. Eine Biographie.
(Frankfurt: Suhrkamp 1983)

Das Erscheinungsjahr ist kein Verschreiber. Die Biographie eines der wichtigsten Vertreter des Strukturalismus schlummerte lang unangetastet in meinen Regalen. Heute erhält man dieses Buch wohl nur noch antiquarisch oder gebraucht via Amazon. Roland Barthes hat mein Verständnis von Literaturwissenschaft geprägt, aber auch massgeblichen Einfluss, dass die «Lust am Text», am Lesen, und das Vergnügen, dass diese Tätigkeit bereitet, bei mir ungebrochen ist. Barthes dechiffrierte die Welt als System von Zeichen, entdeckte die Botschaften von Literatur, Architektur, Mode, sogar von Design. Wer sein Buch «Fragmente einer Sprache der Liebe» nicht kennt, hat noch eine Entdeckung vor sich. Ein faszinierender Mensch, ein begeisternder Lehrer, Debattierer und kritischer Zeitgenosse.


Boyle, T. Coraghessan: Hart auf Hart.
(München: Hanser 2015)

Der neueste Boyle gefällt mir besser als seine letzten Bücher. Fokussierter, konzentrierter, drastischer und bildhafter. Es handelt von Aussteigern, Aussenseitern, die lebende Zeitbomben werden, Eltern, die nicht mehr ihre Kinder erreichen, den Mythen der amerikanischen Gesellschaft, und der Gewalt. Boyle setzt ein Zitat von D.H. Lawrence an den Anfang des Buches: «Die amerikanische Seele ist in ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, störrisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen.» Boyle zeigt die dunkeln Seiten des amerikanischen Traums in einer für ihn typischen Mischung aus Zynismus, Philosophie, und Spannung.

Strahm, Rudolf: Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen.
(Bern: hep Verlag 2014)

Politisch habe ich nicht viel gemeinsam mit dem ehemaligen SP Nationalrat und Preisüberwacher. Aber in der Bildungspolitik ist er meiner Ansicht nach einer der kompetentesten Personen in der Schweiz. Es ist wesentlich sein Verdienst, dass die Anerkennung des Berufsbildungssystems in der Schweiz gegenwärtig – mindestens verbal – so hoch ist wie nie. Zu Recht. Strahm zeigt, dass wir gut daran tun, nicht den Fehler zu machen, die «Wissensgesellschaft» einer «Akademikergesellschaft» gleich zu setzen. Innovation ist nur dort möglich, wo die Praxis nahe ist. Und diese liefert nur die Berufsbildung. Ich teile seine Auffassung. Wer sich auf verständliche, praxisnahe und anschauliche Weise informieren will über Herausforderungen der Bildungspolitik, dem sei dieses Buch sehr empfohlen.

Stevenson, Robert Louis: St. Ives.
(Deutsche Erstausgabe. München: Hanser 2011)

Stevenson (1850–1894) ist der Autor der berühmten Roman «Die Schatzinsel» und «Dr. Jekyll und Mr. Hyde». «St. Ives» hinterliess Stevenson unvollendet, ein befreundeter Autor beendete das abschliessende Kapitel nach Stevensons Angaben. St. Ives ist ein französischer Kriegsgefangener im Britischen Königreich zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Er verliebt sich in ein schottisches Mädchen, wird zum Mörder, wird von der Polizei quer durch die Insel gejagt, bis er am Ende ein grosses Erbe und seine Geliebte bekommt. Der Held ist eine Mischung zwischen einem Hochstapler und Casanova. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, mit viel Ironie und Spannung, mehr als gewöhnlich für einen Roman aus dem 19. Jahrhundert.


Raulff, Ulrich: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens.
(Stuttgart: Klett-Cotta 2014)

Ich bin von «meinem» Buchhändler auf diesen Titel aufmerksam gemacht worden. Ein kleines, feines Büchlein mit persönlichen Erinnerungen des Direktors des Literaturarchivs Marbach an seine Studienjahre während der 70er Jahre. Die Heroen des Strukturalismus treten in Frankreich auf die Bühne, die «Generation Theorie» entsteht, die auch mein Studium in den 80er Jahren wesentlich mitprägte. Roland Barthes und andere bringen uns die «Lust am Text» bei, die Welt wird Zeichen. Im Rückblick scheint es einem fast, diese «Geschichten von der letzten Printtankstelle vor der Datenautobahn» seien uralt. Aber wer in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts studierte, wird dieses Büchlein mit höchstem Vergnügen lesen, und einer gewissen Wehmut, dass heute das Lesen, die Theorie, das Buch dem Zappen, den Bildern, den Kurzbotschaften weichen müssen. Wer Bücher mag, wird dieses Buch lieben.

Tenenbom, Tuvia: Allein unter Juden. Eine Entdeckungsreise durch Israel.
(Berlin: Suhrkamp 2014)

Tenenbom ist Amerikaner, Jude, Deutscher, je nach Situation. Sein höchst unterhaltsamer Reisebericht aus Israel schildert Begegnungen mit Menschen aus allen Gruppierungen, Organisationen, Religionsgemeinschaften, die sich in diesem so widersprüchlichen, vielfältigen und umstrittenen Land der Extreme finden lassen. Die Lektüre ist unterhaltsam, hoch interessant, humorvoll – aber dennoch bleibt einem das Lachen manchmal im Hals stecken, besonders wenn Gutmenschentum und westeuropäische Überheblichkeit sich mit Antisemitismus verbinden und der jüdische Selbsthass die bizarrsten Blüten treibt. Ein Augenöffner, der bei der Lektüre von Medienberichten aus Israel noch grössere Vorsicht nahe legt. 

Moore, Charles: Margaret Thatcher. The authorized biography. Volume 1: Not for turning.
(London: Allen Lane 2013)

«Not for turning» ist der erste Band der autorisierten Biographie von Charles Moore über Margaret Thatcher, die englische Premierministerin, die im 20. Jh. am längsten im Amt und eine der einflussreichsten Politikerpersönlichkeiten in der Nachkriegsgeschichte war. Die Biographie gibt Einblick in ihr Leben, insbesondere durch die erstmalig publizierte Korrespondenz mit ihrer Schwester. Es zeigt brillant die historischen Umstände der 70er und 80er Jahre in England, und wie Thatcher dabei unbeirrt ihre politische Linie hielt. Auch ihre negativen Seiten kommen klar zum Ausdruck. Insbesondere die Zeit um den Bergarbeiter Streik sowie den Falkland Krieg (mit dem der erste Band endet) wird intensiv von viele Seiten beleuchtet und Überraschendes hervorgebracht. Übrigens: wie viele Zugerinnen und Zuger wissen heute noch, dass Thatcher ab und zu ihre Ferien am Zugersee verbrachte? Ein spannendes Buch über eine bemerkenswerte Politikerin.

«Der Kongress tanzt». Bücher zum 200jährigen Jubiläum des Wiener Kongress.

Vor 200 Jahren wurde Europa nach der Napoleonischen Epoche neu geordnet. Die Siegermächte Russland und Preussen wollten sich Polen und Sachsen einverleiben, Österreich seine Besitztümer in Italien wieder sichern, und England wollte eine geordnete Situation in Kontinentaleuropa, um auf den Weltmeeren sichere Geschäfte machen zu können und zur einzigen Supermacht des 19. Jahrhunderts aufzusteigen. Frankreich, der Verlierer, setzte alles daran, als Grossmacht wieder akzeptiert zu werden. Die Schweiz erhielt ihre Neutralität und die Kantone Neuenburg, Wallis und Genf. Neben dieser bemerkenswerten Arbeit am Kongress, die Europa 100 Jahre mehr oder weniger Frieden brachte, war der Kongress auch berühmt berüchtigt durch das ausgiebige Festprogramm der Majestäten. Zwei Bücher beleuchten das Geschehen spannend und interessant: Lentz, Thierry: 1815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas. München: Siedler 2013, sowie: King, David: Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand. München: Piper 2014. Lentz zeigt, dass die Leistungen des Kongresses besser sind, als vor allem in Frankreich bewertet und ist eine sehr gründliche Darstellung. King macht aus der komplexen Geschichte einen spannendes, unterhaltsames Buch.


Widmer, Paul: Diplomatie. Ein Handbuch.
(Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2014)

Das erste umfassende Handbuch in deutscher Sprache für Diplomaten, solche die es werden wollen, und an der (Schweizer) Aussenpolitik Interessierte. Paul Widmer, lange in diplomatischen Diensten tätig, Historiker, und Lehrbeauftragter für internationale Beziehungen an der Universität St. Gallen, hat ein umfassendes, kompetentes und gescheites Buch geschrieben, das angereichert ist mit vielen Erfahrungsberichten, und das auch über Witz verfügt. «Diplomatie ist Machtpolitik in gesitteter Gestalt» schreibt er in der Einleitung, und der Leser lernt, dass (manchmal von aussen belächelte) Formalitäten und Äusserlichkeiten eben doch eine politische Aufgabe erfüllen, beispielsweise Konflikte zivil zu lösen, und damit konkrete Friedensarbeit bedeuten.
 

Zschokke, Matthias: Die strengen Frauen von Rosa Salva.
(Göttingen: Wallstein 2014)

Zschokke gehört für mich zu den besten Schweizer Autoren, die ich kenne. Und Venedig ist einer der schönsten Orte, die ich kenne. Wenn nun ein so brillanter Autor ein Buch darüber schreibt, wie er ein halbes Jahr in der schönsten Stadt der Welt lebt, dann wird dieses Buch brillant, schön und eines der besten, das ich gelesen habe. Zschokke schreibt Mails aus Venedig an Bekannte, Freunde, die Familie und berichtet tagebuchartig, wie er diese Stadt erlebt, von ihr täglich überwältigt wird, so sehr, dass ihm der Gedanke kommt, für immer dort zu leben. Ich kann das verstehen. Ich reise aus «psychohygienischen» Gründen mindestens alle zwei Jahre nach Venedig, die Kunst Biennale ist dabei mehr Vorwand als wirklicher Reisegrund. Wer Venedig kennt und liebt (wohl viele), muss dieses Buch lesen. Und wer Zschokke noch nicht kennt (leider zu viele), kann es hier nachholen. «Zschokkes Mails machen süchtig». (Nicole Henneberg, FAZ) Dem ist nichts hinzuzufügen.


Modiano Patrick, Sempé Jean-Jacques: Catherine die kleine Tänzerin.
(Zürich: Diogenes 2013. Frz. Erstausgabe 1988, deutsche Erstausgabe 1991).

Wer den Namen Patrick Modiano erst im Herbst 2014 zum ersten Mal vernahm, als ihm der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, ist im deutschsprachigen Raum vermutlich nicht allein. Das kleine Büchlein mit den genialen Zeichnungen von Sempé zeigt aber charakteristische Grundzüge seines Schreibens: die Erinnerung, die Suche nach dem (abwesenden) Vater, der in nicht ganz durchsichtige Geschäftstätigkeiten verwickelt war, der Humor und die feine Ironie, ein Stil, der unverwechselbar den Leser sofort in den Bann zieht.


James, Aaron: Assholes. A Theory.
(New York: Random House 2012)

Der Titel ist natürlich etwas anrüchig. Ich habe das Buch in einer Buchhandlung in Victoria, Vancouver Island, in meinen Sommerferien 2014 zufällig gefunden. Wir versuchen alle, A’s aus dem Weg zu gehen, erfolglos. Es gibt sie bei der Arbeit, im privaten Umfeld, im Strassenverkehr, im öffentlichen Raum, auch in den Ferien begegnet man ihnen in den Hotels, am Pool oder am Strand. James entwickelt eine philosophische Theorie des A’s. Drei Faktoren sind wichtig: ein A erlaubt sich selbst Privilegien, systematisch, macht dies zweitens aus einem Gefühl, darauf Anrecht zu haben, und ist drittens immun gegen die Klagen anderer. Narzisst und Egoist zugleich. James gibt sehr nützliche Hinweise, wie man bei sich selbst schauen kann, ob man solches Verhalten zeigt, und wie man mit «A-Management» mit der Existenz von A’s umgehen lernen kann. Er scheut sich nicht, bekannte Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien, zu nennen. Beim Lesen entdeckt man schnell Analogien zu Schweizer Personen aus den gleichen Kreisen… Unterhaltsames philosophisches Buch, das es mir leichter machte, die Ferien zu geniessen, aber auch zu selbstkritischen Fragen führte.

Jonasson, Jonas: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.
(München: btb 2011)

Dieses Buch kennen wohl die meisten, ich kannte bis Dezember 2013 nur den Titel. Der Zuger Kabarettist Michael Elsener schenkte mir ein Exemplar, nach einem Auftritt in seiner «Gute Nacht Show». Auf einer Karte schrieb Elsener, er glaube, ich würde extrem kurzweilige Stunden mit diesem Buch verbringen. Elsener hat Recht: extrem kurzweilig und nur Stunden, trotz 430 Seiten. Man kann nicht aufhören zu lesen bis zum Ende.

Fermor, Patrick Leigh: Die Zeit der Gaben. Zu Fuss nach Konstantinopel. Der Reise erster und zweiter Teil. Die unterbrochene Reise. Vom Eisernen Tor zum Berg Athos.
(Zürich: Dörlemann 2013)

Der dritte (unvollständige) Teil des Reiseberichts von P.L. Fermor ist 2013 erschienen. Damit ist eines der spannendsten Reisejournale den Lesern zugänglich. Fermor unternahm diese Wanderung von England nach Konstantinopel als 18jähriger Schüler, der wegen einer Freundschaft zu einem Mädchen das Internat verlassen musste. Als Alternative zum Militärdienst beschloss er, sich den europäischen Kontinent zu erwandern. Man erlebt das alte Europa, schon schwer angeschlagen durch den ersten Weltkrieg, und am Vorabend der nächsten Katastrophe, von der noch niemand wirklich etwas ahnt. Die meisten Menschen, denen Fermor begegnet, überleben den zweiten Weltkrieg nicht. Die Schilderungen der Länder, Menschen, Kulturen, welche Fermor meisterhaft beherrscht, sind ein eigentliches Testament der alten europäischen Kulturlandschaft, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg mit dem Eisernen Vorhang nicht mehr existierte. Wer sehen will, wie gross Europa einmal war, lese das Tagebuch dieses weltoffenen Engländers, der im zweiten Weltkrieg auf Kreta sich durch besondere Tapferkeit auszeichnete, und dessen lebenslange Liebe Griechenland und Osteuropa blieben.

Kehlmann, Daniel: F.
(Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 2013)

Nach der «Vermessung der Welt» eine wiederum brillant erzählte Geschichte von drei Brüdern (einem Priester, einem Finanzberater und einem Künstler), die alle fälschen, lügen und betrügen. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Leben, bis dieses Leben ein Albtraum für alle wird. Unterhaltsam, brillant und verwirrend – bis zum Schluss. «Ein Roman über Lüge und Wahrheit, über Familie, Fälschung und die Kraft der Fiktion: ein virtuoses Kunstwerk – vielschichtig, geheimnisvoll und kühn.»(Zitat aus dem Klappentext, absolut zutreffend).

Salter, James: Alles was ist.
(Berlin: Piper 2013)

Salter war Navy Pilot mit Kriegserfahrung, bevor er Schrifsteller wurde. Jetzt, mit 88 Jahren, bringt er ein Werk, das packend und doch kühl, abgeklärt, das Leben des Lektors Philip Bowman darstellt. Dieser kehrt aus dem Krieg zurück, hat sein ganzes Leben vor sich, aber sein Schicksal hinter sich, er bleibt innerlich versehrt. Sein ganzes Leben – und das Leben praktisch aller Figuren, die teilweise nur kurz auftauchen – stellt eine Abfolge missglückter Beziehungen dar. Das mag nicht spannend klingen. Aber der lakonische Fatalismus, mit dem Salter dieses Leben darstellt, dieses «alles, was ist», lässt einen nicht los. «Brillant. Satz für Satz ist Salter der Meister», urteilt Richard Ford. Es stimmt.

Toole, John Kennedy: Die Verschwörung der Idioten. Neu übersetzt von Alex Capus.
(München: dtv 2013).

Achtung, dieses Buch ist politisch absolut unkorrekt. Toole schrieb es als 25jähriger, fand keinen Verlag dafür, in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts durchaus verständlich … Erst elf Jahre nach seinem Selbstmord fand das Buch einen Verlag, ausgerechnet nur wegen seiner Mutter, gegen deren narzisstische Besitznahme er sich lebenslang wehrte. Es wurde ein grosser Erfolg. Der Pulitzer Preis, erstmals postum verliehen, und Kultstatus folgten. Die Figuren sind grotesk, böse, tragisch, der Held Ignatius J. Reilly ein stark übergewichtiger ewig von seiner Mutter unterdrückter Sohn, der erfolglos versucht, zu arbeiten. Er hält sich selbst für ein Genie, liest Boethius‘ «Trost der Philosophie», und alle, die seine Genialität nicht erkennen, sind Idioten, die sich gegen ihn verschworen haben. Ein Lesevergnügen, die neue Übersetzung von Alex Capus trägt auch dazu bei. Sarkastisch, bös, unterhaltsam, beste Südstaaten Literatur.

Auster, Paul: Winterjournal.
(Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 2013)

Ein Buch nur für Ältere. Paul Auster blickt zurück auf sein Leben, im Alter von 64 Jahren, und er tut das hauptsächlich entlang der Beschreibung der Ereignisse, die seinem Körper widerfahren sind. Das ist direkt, schonungslos, offen, philosophisch, und mit einer packenden Sprache. Etwas verwundert, aber vor allem dankbar, zeigt Auster, wie verletzlich und kostbar das Leben ist, einzigartig, und wie viele Wunder es braucht, um überhaupt ein gewisses Alter zu erreichen. «Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten» lautet der Schluss-Satz. Eine faszinierende Lektüre.

Eco, Umberto: Die Geschichte der legendären Länder und Städte.
(München: Hanser 2013)

Die Literatur, Mythen und Religionen wimmeln von Städten, Ländern und Orten, die nicht existieren, oder die man nicht mehr findet, oder Orten, die in realen Städten geschehen, aber auch fiktiv sind. Atlantis, Eldorado, Terra Australis oder die Orte, wo man die Gralsburg hin setzte: für sie alle gilt, sie sind «wahr», insofern sie Orte der Literatur sind. Eco bietet (mit enormer Belesenheit, wie bei ihm üblich) einen faszinierenden Streifzug durch diese Orte, mit Quellentexten, vor allem aber mit wunderbaren Bildern. Besonders lesenswert sein überzeugender Nachweis, dass der Erfolgsautor Dan Brown mit seinen Romanen frei erfindet, was legitim ist für einen Krimi-Autor, aber behauptet, es sei alles wahr, was einfach nur dumm erscheint in der Widerlegung von Eco.

Boyle, T. Coraghesssan: San Miguel.
(München: Hanser 2013)

Die Buchhändlerin an der Schmidgasse in Zug, Frau Giger, machte mich vor gefühlten 20 Jahren auf Boyle aufmerksam. Seither lese ich alles von ihm. Der neueste Roman handelt von drei Generationen von Frauen die auf San Miguel, einer menschenleeren Insel vor der kalifornischen Küste, nur mit ihren Familien leben, Ende des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg. Nicht der beste Roman von Boyle, finde ich, aber man liest es trotzdem in einem Zug, denn auch ein mittelmässiger Boyle ist immer noch sehr lesenswert.

Abensour, Miguel: Demokratie gegen den Staat.
(Frankfurt/M: Suhrkamp 2012) 

Der Arabische Frühling, Aufstände gegen die politischen und ökonomischen Verhältnisse in europäischen Staaten, Proteste von Bürgerbewegungen in Russland: Menschen gehen auf die Strasse, um ihre Anliegen kundzutun. Ist die Demokratie neu zu denken? Abensour versucht es, ausgehend von Texten des frühen Marx. Er entwickelt eine Demokratie gegen den Staat. Provokativ – und eigentlich ein Plädoyer für die direkte Demokratie der Schweiz.

Ferguson, Niall: Civilization. The West and the Rest.
(London: Penguin Books 2011)

Ferguson geht den Gründen für den Aufstieg des Westens nach. Er benennt sechs «Killer Apps», die verantwortlich seien für die Dominanz: Wettbewerb, Wissenschaft, Demokratie, Medizin, Konsum, Arbeitsethik. In einer faszinierenden Reise durch die Geschichte und vom Grossen Kanal von Nanjing, über den Topkapi Palast in Istanbul zu den stolzen Türmen Prags und den geheimen Kirchen von Wenzhou. Moderne Weltgeschichte in hoher narrativer Qualität. Wird der Aufstieg Asiens die Dominanz westlicher Werte beenden? Ferguson versucht eine Antwort darauf.

Kiernan, Ben: Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute.
(München: DVA 2009)

Völkermorde und die systematische Verfolgung von Minderheiten sind keine Erfindung der Neuzeit. Kiernan legt in dieser Weltgeschichte des Völkermords die ideologischen Grundmuster dar. Sein Fazit: Die Ideologien, die einst zu Massentötungen geführt haben, haben ihre Macht nicht verloren, und so erleben wir auch heute, trotz der schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, auch heute Genozide – das zeigt das Beispiel Darfur auf eindrückliche Weise.

Kissinger, Henry: On China.
(New York: The Penguin Press 2011)

Der Altmeister unter den Aussenpolitikern der westlichen Welt beschreibt seine persönlichen Erfahrungen mit der Weltmacht der Zukunft. Besonders beeindruckend, wie er mit Präsident Nixon auf China zuging, aus der frühen Überzeugung, dass zukünftig die Grossmächte USA und China ihr Verhältnis vom Krisenmanagement zu einer Partnerschaft entwickeln müssten. Ob es gelingt, den «missionary exceptionalism» der USA und den «cultural exceptionalism» Chinas langfristig nebeneinander gelten zu lassen? Auch von der Antwort auf diese Frage hängt eine künftige Weltordnung ab. Absolut faszinierende und spannende Lektüre.

Pintschovius, Joska: Die Diktatur der Kleinbürger. Der lange Weg in die deutsche Mitte.
(Berlin: Osburg Verlag 2008)

Schon 2008 erschienen, aber angesichts der Dominanz von Angela Merkel immer noch aktuell. «Da, wo die Mitte ist, sind wir. Und wo wir sind, ist die Mitte» spricht die Bundeskanzlerin. Pintschovius zeigt mit staunenswerten Karrieren den langen Weg des deutschen Kleinbürgertums, um zur heute alles beherrschenden Schicht der «Neuen Mitte» aufzusteigen. Er zeigt den Deutschen, wie sie wurden, was sie sind. Aber auch interessant für «Mitteparteien» und deren Exponenten in der Schweiz.

Roy, Oliver: Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen.
(München: Siedler 2010)

Im Schatten der Globalisierung erlebt der Glaube einen Boom. Doch während die Religion früher im Zentrum kultureller Identität stand, ist die neue Religiosität Ausdruck einer entwurzelten Sinnsuche des Einzelnen. Sie ist zu einem unter vielen Angeboten innerhalb der Gesellschaft geworden, und der Kunde wählt frei nach Belieben aus. Der einfältige Wunsch nach einer Religion ohne Theologie und gemeinschaftliche Einbettung ist der Nährboden für religiösen Fundamentalismus und birgt massive Gefahren für Staat und Gesellschaft.

Searle, John R.: Wie wir die soziale Welt machen.
(Frankfurt/M: Suhrkamp 2012)

In diesem Buch führt Searle sämtliche seiner Lebensthemen auf anschauliche und pointierte Weise zu einer einheitlichen Theorie der Zivilisation zusammen. Es kann als Fortsetzung seines Klassikers «Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit» gelesen werden und zugleich als Einführung in das Denken dieses bedeutenden Philosophen. Vor allem aber ist es ein Buch für jeden, der wissen möchte, was unsere Welt zusammenhält.